Die weit verbreitete Empfehlung, bei einer Erkältung besonders viel zu trinken, ist im klinischen Alltag gängig – insbesondere im Rahmen nichtmedikamentöser Maßnahmen. Doch ein genauer Blick auf die Studienlage zeigt: belastbare wissenschaftliche Belege dafür fehlen. Eine Pilotstudie, die untersuchte, ob Erkältungen zu Dehydrierung führen, fand keine objektiven Hinweise auf Flüssigkeitsmangel. Weder die Serumosmolalität (wichtigste Messgröße zur Beurteilung der internen Wasserbilanz) noch Elektrolytwerte oder andere labordiagnostische Parameter zeigten relevante Veränderungen während einer Erkältung. Auch wenn einige Personen vermehrten Durst angaben, war eine tatsächliche Dehydratation nicht nachweisbar. Weitere Quellen, darunter ein Übersichtsartikel sowie ein Cochrane-Review, bestätigen: Die Evidenz zur Wirksamkeit einer erhöhten Flüssigkeitszufuhr bei Atemwegsinfekten ist schwach oder fehlt ganz. Es gibt keine randomisierten kontrollierten Studien (RCTs), die zeigen, dass vermehrtes Trinken die Symptome lindert oder den Krankheitsverlauf verkürzt. Vielmehr weisen einige Beobachtungsstudien sogar auf mögliche Risiken hin, wie etwa eine Hyponatriämie (ein gefährlich niedriger Natriumspiegel im Blut), die insbesondere bei Kindern mit schweren Infekten wie Pneumonie (akute Entzündung der Lunge, die durch Infektionen verursacht wird) auftreten kann. Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Empfehlung „viel trinken bei Erkältung“ basiert weniger auf wissenschaftlicher Evidenz als auf Tradition und theoretischer Plausibilität. Eine normale Flüssigkeitszufuhr ist sinnvoll – eine übermäßige Zufuhr bringt jedoch keinen nachgewiesenen Nutzen und kann in bestimmten Fällen sogar schädlich sein. Besonders bei älteren Menschen oder Patient:innen mit Herz- oder Nierenerkrankungen ist Vorsicht geboten.